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Nikolaus WS- Wie sieht ein ganz normaler Arbeitstag bei Dir aus?

 
Den gibt es praktisch nicht. Aber ich bin viel auf Reisen und Vorträgen, ca. 1-2/ Woche. Dann bin ich entweder auf Konferenzen, in christlichen Gemeinden, Schulklassen oder Studentengruppen und versuche Menschen in irgendeiner Weise dabei zu helfen, Sexualität besser zu verstehen, sich selbst mit sich auszusöhnen und Gestaltungshilfen für das eigene Leben zu bekommen. Dazu lese ich viel, erarbeite neue Inhalte, Methoden und versuche Dinge zu entwickeln. Hin und wieder habe ich seelsorgerliche Gespräche – manchmal in echt, manchmal per Mail oder Internetforum und häufig am Telefon. Hin und wieder sind meine Stunden auch damit gefüllt, die Zeitschrift des Weißen Kreuzes redaktionell vorzubereiten. Ich liebe die Arbeit und bin immer wieder dankbar, dass und Spender dafür freisetzen.
 
- Was ist typisch „Nikolaus“? Wie würdest Du Dich charakterisieren?
 
Mein Kopf rattert immer. Ich bin immer an grübeln, konzipieren, durchdenken, entwickeln. Und ich liebe Brettspiele.
 
- Wofür brennt Dein Herz?
 
Brettspiele… Und natürlich Beatrice, meine große Liebe und unser gemeinsames Baby. Ich kann mich aber auch für Deutschland begeistern, denn ich liebe unser Land wirklich. Und ich bin gerne in diesem spannenden Themenfeld unterwegs, das wir Sexualität nennen, aber gar nicht genau definieren können.
 
- Du bist Jugendreferent beim Weißen Kreuz. Wie sah Dein Weg zu dieser Arbeitsstelle aus?
 
Hm. Ich habe mich mit 14 Jahren für den Glauben an Jesus Christus entschieden. Leider bin ich dennoch mit ca. 20 Jahren immer weiter in Pornografiekonsum verstrickt gewesen, bis ich das Thema nicht mehr unter Kontrolle hatte. Dann habe ich Hilfe beim Weißen Kreuz gefunden. Später dann habe ich angefangen, an der Zeitung und später in der Jugendarbeit mitzuarbeiten.
 
- Welche Themen bewegen Dich momentan besonders?
 
Etwas, das mir zu denken gibt, ist ein Trend, den ich in Seelsorge und der Forschung beobachte. Das ist eine Zunahme des Konsums von harter und spezieller Pornografie. Ich habe immer wieder 18-jährige Männer in der Beratung, die ausschließlich auf deviante Formen der Sexualität stehen. Deviante Vorlieben sind beziehungsfeindliche Vorlieben, wie Würgen, fesseln oder Ungewöhnlicheres. Hier scheint es einen Trend zu geben.
 
- Welche gesellschaftliche Entwicklung freut Dich? Welche bereitet Dir Kopfzerbrechen?
 
Ich freue mich, dass es noch immer so viele junge Paare gibt, die ganz selbstverständlich mit dem Sex bis zur Ehe warten. Kopfzerbrechen – puh … Am meisten leide ich an den nach wie vor hohen Zahlen von Abtreibungen. Das ist ein permanenter Genozid der Geboren an denen, die ungeboren sind, dauerhaft vorenthaltene Grundrechte in Summe.
 
- Was braucht die heutige Jugend?
 
Die Beziehungsreife ist heute weiter auseinander. Wir sind mit 12 Jahren geschlechtsreif, heiraten aber mit ca. 31 Jahren. Dazu braucht es Unterstützung und Rat.
 
- Was unterscheidet die Jugend heute von früheren?
 
Wir können den digitalen Wandel in seinen Effekten nicht überschätzen. Das hat alles geändert, stark auch unser Liebesleben, auch unsere Charaktere, die ja die Basis der Beziehungskulturen sind. Und wir beobachten landauf landab, dass es unseren heutigen Jugendlichen schwerer fällt, längerfristige Spannungen und Durststrecken zu überstehen und auch, dass sich die Bindungsfähigkeit zu verschlechtern scheint.
 
- "Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Speisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer." (Sokrates, ca. 469 -399 v. Chr.) Inwiefern beschreibt dieses Zitat auch unsere Jugend? Stimmst Du diesem Bild zu?
 
Blöde Frage, ganz ehrlich. Ich halte es eher mit dem Zitat der Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: „Jede Zeit hat ihre Lügen.“ Die Jugend von heute ist sicherlich eine ganz andere als alle Jugenden zuvor. Sie ist in vielen Punkten nüchterner und aufgeklärter. Aber irgendwie fehlt es ihr auch an Biss. Sie steht vor anderen Herausforderungen und hechelt neuen Ideologien her: An die Stelle der Volksgesundheit ist der Jugendwahn getreten.
 
- Du bist vor kurzem Papa geworden. Herzlichen Glückwunsch dazu! Hat sich Dein Blick auf unser Land, unsere Gesellschaft und Trends dadurch verändert?
 
Absolut. Viele Probleme sind relativer geworden, andere drängender. Ich sehe aber eine neue Sinndimension im Leben und im Schaffen gesicherter Verhältnisse - im Privaten wie im Politischen.
 
- Warum sollten wir uns mit dem Thema „Gender und sexuelle Vielfalt“ beschäftigen?
 
Was wir nicht zur Kenntnis nehmen ist die ungeheure Gestalt- und Wandelbarkeit der Sexualität. Unsere Sexualität fällt nicht vom Himmel, wir sind auch sexuell sozialisiert. Heute wird so getan, als könnten wir an den zentralen Schrauben der Geschlechtlichkeit drehen – ohne sexuelle Sozialisationen umzukrempeln. Ein verheerender Irrtum! Auf uns kommt gravierend Neues zu.
 
Das Interview führte Jana Badstübner.